Die Geopolitik in Zeiten imperialer Umordnung
Ein Essay über strategisches Gleichgewicht, nukleare Schwellen und Europas zivilisatorische Entscheidung
Wer die Landstraßen des Libanon bereist, spürt die dünne Haut der Ordnung, unter der ein Geflecht aus Loyalitäten, Rächenarrativen und geostrategischen Stellvertreterrollen pulsiert. In Damaskus, Teheran oder Tel Aviv ist Macht kein Konzept, sondern Existenzbedingung. Westliche Vorstellungen von Wertegemeinschaften und regelbasierter Ordnung wirken in diesen Weltgegenden wie metaphysische Fernsehformate. Die Realität ist: Staaten leben nicht von Visionen, sondern von Abschreckung, Durchhaltefähigkeit und strategischer Tiefe. Wer im 21. Jahrhundert bestehen will, muss dies anerkennen. Der Nahe Osten ist dabei nicht Ursache der Unordnung – er ist ihre Bühne.
Die gegenwärtige geopolitische Konstellation ist keine Zwischenphase, sondern der Beginn einer neuen Weltordnung, in der keine Macht mehr allein dominieren kann. Die USA, trotz ihrer unbestrittenen militärischen Dominanz, sehen sich einem strukturellen Wandel gegenüber, der sie zu einer Anpassung zwingt: nicht in Form von Rückzug, sondern durch gezielte Zurückhaltung und Lastenteilung. Gleichzeitig expandiert China in Eurasien, Afrika und Lateinamerika mit wirtschaftlichen Mitteln, während Russland durch die Logik der Störung operiert – unfähig zur Hegemonie, aber fähig zur Destabilisierung. Indien hingegen ist auf dem Weg zur entscheidenden Weltmacht zwischen den Polen, ohne sich eindeutig zuzuordnen. In dieser tektonischen Verschiebung der Machtachsen entscheidet nicht überlegene Rühe, sondern strategische Selbstbeherrschung über das Überleben.
Die USA bereiten sich auf eine mögliche militärische Konfrontation mit dem Iran vor. Der Einsatz von sechs B-2-Bombern nach Diego Garcia, einem militärischen Vorposten inmitten des Indischen Ozeans, ist kein Symbol, sondern strategisches Signal. Die Fähigkeit dieser Flugzeuge, tief verbunkerte Ziele wie iranische Nuklearanlagen zu zerstören, macht deutlich, worauf sich Washington vorbereitet: auf die Option des Erstschlags, sollten diplomatische Mittel scheitern. Der Aufbau von Luftabwehrsystemen in der Region folgt derselben Logik. Es geht nicht nur um Abschreckung, sondern um Vorbereitung auf Eskalation.
Diese Politik beruht auf einem klaren Kalkül: Der Iran, wirtschaftlich geschwächt, politisch gespalten und regional strategisch isoliert, ist verwundbar. Der Verlust von Einfluss in Syrien, der Rückzug der Hisbollah in den Libanon, die taktische Lähmung der Hamas und die Übermacht Israels im Informationsraum haben Teheran in die Defensive gedrängt. Seine letzte verbliebene Vorwaertskomponente – die Huthis – agiert asymmetrisch, aber strategisch isoliert. In dieser Lage wird die nukleare Schwelle zur letzten Versicherung gegen einen Regimewechsel. Deshalb spielt Washington das Spiel von Drohung und Dialog – wohl wissend, dass es dem Iran nicht um Ideologie, sondern um Systemerhalt geht.
Die Schwäche Teherans ist aber nicht nur ein Ergebnis externer Pressionen, sondern auch interner Zerrissenheit. Der neu gewählte Präsident Pezeshkian steht für eine moderate Linie, doch die Macht liegt weiterhin beim Obersten Führer und den Revolutionsgarden. Diese Asymmetrie bietet eine strategische Flanke: Die USA können mit einem klug dosierten Mix aus Sanktionen, gezielten militärischen Drohkulissen und indirekten Gesprächen – etwa über Oman oder Saudi-Arabien – Druck erzeugen, ohne die Schwelle zum Krieg zu überschreiten. Doch die Zeit arbeitet gegen Teheran: Wirtschaftlicher Verfall, eine brüchige Gesellschaft und die Unsicherheit über Israels Pläne zur direkten Intervention schaffen Handlungsdruck.
Gleichzeitig stellt sich Europa die Frage nach seiner eigenen Rolle. Die europäischen Regierungen, insbesondere Frankreich, versuchen – in Schätzen zwischen Verzweiflung und geopolitischem Erwachen – Teheran zu Zugeständnissen zu bewegen, bevor eine militärische Eskalation unvermeidbar wird. Doch Europa agiert fragmentiert. Es fehlt eine gemeinsame Strategie, ein konsistenter Machtkern. Italien unter Giorgia Meloni illustriert diese Ambivalenz. Zwischen ideologischer Nähe zu Trump und pragmatischem Bekenntnis zur europäischen Integration laviert Rom zwischen den Gräben der geopolitischen Lagerbildung.
Italiens strategisches Verhalten gleicht einem Tanz auf zwei Hochseilen. Wirtschaftlich abhängig vom Export in die USA, sicherheitspolitisch eingebettet in europäische Institutionen, sucht Rom seine Rolle als Mittler. Die Warnung ist klar: Sollte Washington zu einer bilateralen Ordnung übergehen, in der Länder wie Italien aus dem europäischen Kontext herausgelöst werden, droht der Zerfall des kontinentalen Projekts. Gleichzeitig erkennt Meloni die Chancen der Entkopplung: Eine Stärkung der italienischen Rüstungsindustrie, neue Rüstungskooperationen mit Türkei und Deutschland, sowie die Möglichkeit, Italien als Energie- und Kommunikationsdrehscheibe zu positionieren.
Doch strategisches Gewicht entsteht nicht durch Balance, sondern durch Entscheidung. Europa muss sich entscheiden: Will es ein Akteur sein oder eine Arena? Der Aufstieg zivilisatorischer Großmächte verlangt nach strategischer Klarheit. Die europäische Uneinigkeit in der Ukraine-Frage – ob Truppenstationierung, Waffenlieferungen oder Friedensmissionen – offenbart die Schwäche eines Kontinents, der militärisch auf die USA schaut und politisch auf Konsens hofft. Doch der Konsens ist kein Ersatz für Macht. Es braucht eine europäische Armee, eine gemeinsame nukleare Abschreckungsarchitektur, eine politische Union, die handelt, nicht moderiert.
In einer Welt, in der Ideologie zur Maske strategischer Interessen wird, kann Europa nur überleben, wenn es den Blick für die tektonischen Realitäten schärft. Die Ordnung der Zukunft wird nicht verhandelt, sondern geformt. Wer nicht mit formt, wird geformt. Zwischen einem Amerika, das sich neu positioniert, einem China, das systematisch expandiert, und einem Russland, das das Chaos instrumentalisieren will, bleibt Europa nur ein Weg: die strategische Selbstbeherrschung zur eigenen Macht.
Die Geopolitik verlangt keine Moral, sondern Nüchternheit. Doch gerade in dieser Nüchternheit liegt die Möglichkeit zur Ordnung. Nur wer Macht, Ordnung und Tiefe in sich vereint, kann im Sturm des 21. Jahrhunderts bestehen.


