Zwischen Washington und Peking – Europas doppelte Abhängigkeit
Der neue US–EU-Handelsdeal und Chinas ökonomische Gegenresilienz zeigen, wie sehr Brüssel ökonomisch und strategisch in die Logik eines Protektorats geraten ist.
Strategisches Problem – Europas Lage in der Zange
Noch vor wenigen Jahren schien Europa die Wahl zu haben: ökonomische Verflechtung mit China, sicherheitspolitische Bindung an die USA, und eine gewisse Eigenständigkeit in Handelspolitik und Industriefragen. Heute hat sich dieses Bild radikal verschoben. Der in dieser Woche verkündete US–EU-Handelsdeal markiert nicht nur eine Zollvereinbarung, sondern eine Verschiebung im Kräfteverhältnis: Washington diktiert Bedingungen, Brüssel reagiert.
Zeitgleich meldet Peking überraschend robuste Wachstumszahlen – trotz massiver US-Handelssanktionen. Für die EU bedeutet dies: Der wichtigste Handelspartner in Asien bleibt ein globaler Produktionsgigant, ist aber zugleich strategischer Gegner des amerikanischen Schutzpatrons. Europa steht somit in einer Doppelzange: Es muss die Handels- und Sicherheitsinteressen der USA bedienen, während es zugleich in Abhängigkeit vom chinesischen Markt und von chinesischen Lieferketten bleibt.
Diese Konstellation entspricht in der Logik des strategischen Realismus nicht mehr einer gleichberechtigten Allianz, sondern dem Status eines Protektorats – formal souverän, funktional jedoch abhängig. Die Frage lautet daher: Welche Handlungsspielräume bleiben einem Protektorat, das zwischen zwei Machtblöcken zugleich Partner, Markt und Instrument sein soll?
Analyse / Beobachtung
1. Der US–EU-Handelsdeal – Konzession unter Druck
Der diese Woche bekanntgegebene Handelskompromiss zwischen Washington und Brüssel wird in europäischen Hauptstädten als „Erfolg“ verkauft: Statt der von Präsident Trump zeitweise angedrohten 50 % Zollbelastung gilt nun ein Basistarif von 15 % für die meisten EU-Exporte in die USA. Doch der Preis war hoch: Die EU verpflichtete sich, massiv amerikanische Energieprodukte, Agrargüter und militärische Ausrüstung zu kaufen und gleichzeitig Marktzugänge für US-Unternehmen zu erleichtern.
In der Sprache des strategischen Realismus zeigt sich hier eine klassische Abhängigkeitsmatrix:
Sicherheitspolitisch ist Europa ohnehin seit Jahrzehnten vom US-Schutzschirm abhängig.
Energiepolitisch hat der Bruch mit Russland seit 2022 die USA zum Hauptlieferanten für LNG gemacht.
Industriepolitisch öffnet der neue Deal Märkte und Investitionsströme stärker in Richtung amerikanischer Firmen.
Die EU trat an diese Verhandlungen ursprünglich mit dem Anspruch heran, eine Symmetrie zu erzielen – schließlich sind beide Wirtschaftsräume vergleichbar groß. Doch die interne Uneinigkeit zwischen einem konfrontationsbereiten Lager (Frankreich, Spanien) und einem kompromissorientierten Lager (Deutschland, Italien) untergrub die Verhandlungsposition. In der Folge setzte sich in Brüssel die Logik durch, Schadenbegrenzung sei wichtiger als Parität.
Ein historischer Vergleich drängt sich auf: Die Handelsverhandlungen zwischen den USA und Japan in den 1980er Jahren. Auch Tokio musste damals unter amerikanischem Druck Marktanteile abgeben, Investitionszusagen machen und Importbarrieren abbauen – und verlor dadurch strategisch wertvolle Industriekapazitäten. Europa läuft Gefahr, denselben Pfad zu betreten, nur mit der zusätzlichen Last einer Sicherheitsabhängigkeit, die Japan in dieser Form nie aufgebrochen hat.
Der China-Faktor – Pekings indirekter Hebel
Dass es überhaupt zu einer Reduzierung der US-Zölle kam, lag weniger an Brüssels Verhandlungsgeschick als an der geopolitischen Karte, die Trump spielen wollte: eine härtere gemeinsame Linie gegenüber China. Nur wenige Tage vor der Einigung erklärte EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen in Peking, die derzeitigen Handelspraktiken Chinas – von Subventionen bis zur Marktflutung bei E-Autos und Solarpanels – seien „nicht länger tragbar“.
Für Washington war dies das entscheidende Signal, dass Brüssel bereit ist, Peking in zentralen Handelsfragen unter Druck zu setzen. Der Preis: Zugeständnisse an die USA im Handelsbereich. Damit wird die EU nicht nur sicherheitspolitisch, sondern nun auch in der Handelsausrichtung zum Funktionselement der US-China-Strategie – ein typisches Merkmal eines Protektorats.
Chinas ökonomische Resilienz – Stärke mit Sollbruchstellen
Parallel dazu meldete Peking für das zweite Quartal 2025 ein Wachstum von 5,2 % im Jahresvergleich – trotz US-Zöllen von bis zu 145 % auf bestimmte Produkte. Die Exporte stiegen sogar leicht, nicht zuletzt dank Umgehungsrouten über Südostasien, wo Waren re-exportiert werden. Auch nach Europa fließen chinesische Waren weiter ungebremst, insbesondere im Bereich grüner Technologien.
Doch diese Resilienz hat eine Kehrseite: Die Binnennachfrage stagniert, der Immobiliensektor steckt in einer strukturellen Krise, und Deflation drückt auf Unternehmensgewinne. Chinas Abhängigkeit von Exporten wächst – und damit seine Verwundbarkeit gegenüber westlichen Handelsentscheidungen. Aus Sicht des strategischen Realismus ist dies ein klassischer Fall von Machtkern unter Druck: Die industrielle Stärke bleibt hoch, doch die Balance zwischen Binnen- und Außenwirtschaft kippt.
Für Europa bedeutet das: Die eigenen Märkte werden in Zukunft noch stärker Ziel chinesischer Überschussproduktion – nicht aus Aggression, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit. Gleichzeitig ist Brüssel aufgrund der US-Bündnislogik gezwungen, Pekings Marktpraktiken politisch zu konfrontieren. Europa wird also in einen Konflikt gedrängt, dessen Eskalationskontrolle nicht in seinen eigenen Händen liegt.
Übergang – Die protektorale Logik
Verbindet man beide Stränge, ergibt sich eine eindeutige Konfiguration:
Die USA sichern Europas Verteidigung und setzen zugleich die Handelsspielregeln.
China bleibt unverzichtbarer Markt und Lieferant, ist aber zugleich strategischer Gegner des Schutzpatrons.
Die EU kann keine eigenständige Handelslinie entwickeln, ohne eine der beiden Seiten zu verärgern – und damit eigene wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Grundfunktionen zu gefährden.
In der Typologie des strategischen Realismus entspricht dies nicht einer klassischen Status-quo-Macht, sondern einem Protektorat: formal souverän, faktisch abhängig, in zentralen Fragen nur eingeschränkt handlungsfähig.
Strategische Schlussfolgerung / Handlungsperspektive
1. Für die EU
Diversifizierung der Abhängigkeitsmatrix: LNG-Importe nicht ausschließlich aus den USA, sondern auch aus Norwegen, Nordafrika und ggf. Australien.
Eigenständige Industriestrategie: gezielte Förderung europäischer Schlüsselindustrien (Batterietechnik, Halbleiter, Verteidigungsgüter), um in Handelskonflikten nicht auf Importwege angewiesen zu sein.
Flexible Handelskoalitionen: Ausbau bilateraler Handelsabkommen mit Drittstaaten (Indien, Mercosur, ASEAN), um bei US- oder China-Eskalationen alternative Absatzmärkte zu sichern.
2. Für Deutschland
Industriepolitische Prioritätensetzung: Konzentration auf Industrien mit hohem globalem Nachfragepotenzial, die nicht leicht durch US- oder China-Politik blockierbar sind.
Doppelstrategie bei Energie: Fortführung der US-LNG-Importe, aber parallel Investitionen in Pipeline- und Stromnetze für südliche und östliche Versorgungsachsen.
Verhandlungskapazität in Brüssel: Stärkere deutsche Führungsrolle bei der Festlegung von EU-Verhandlungsmandaten, um nationale Kerninteressen (Automobil, Maschinenbau, Chemie) frühzeitig zu sichern.
3. Prinzipielle Lehre
Ein Protektorat kann seine Abhängigkeit nicht von heute auf morgen beenden. Aber es kann Verhandlungsmacht zurückerlangen, indem es die eigenen Verwundbarkeiten gezielt reduziert. Je weniger Monopolverhältnisse in der Abhängigkeitsmatrix, desto größer der Spielraum – auch gegenüber der Schutzmacht.
Ordnungsexkurs – Europas Selbstbild und die Realität
Europa spricht seit Jahren von „strategischer Autonomie“. Doch wie Carl Schmitt feststellte, ist souverän, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Im aktuellen Handelskonflikt hat nicht Brüssel entschieden, wann Ausnahmezustand herrscht, sondern Washington.
Das ideengeschichtliche Problem liegt in der Diskrepanz zwischen europäischem Selbstverständnis als Zivilisationsakteur – Bewahrer einer eigenen Werteordnung – und der faktischen Rolle eines Protektorats in der globalen Machtkonfiguration. Solange diese Diskrepanz nicht offen adressiert wird, bleibt „strategische Autonomie“ eine rhetorische Figur – und keine operative Realität.
Strategische Maxime
Wer als Protektorat handelt, sollte handeln wie ein Balancer – oder er bleibt Objekt der Strategie anderer.


