Ukraine und die neue Weltordnung
Warum Europas Sicherheit nicht länger amerikanisch sein kann
Ausgangspunkt
Seit fast vier Jahren tobt der Krieg in der Ukraine. Was 2022 als Verteidigungsschlacht begann, ist heute ein Kampf ums Überleben. Russland hält ein Fünftel des Landes, die Front bewegt sich kaum, und die westliche Unterstützung wird schwächer. In Washington wächst die Müdigkeit, in Europa die Unsicherheit.
Ich spüre, dass dieser Krieg mehr ist als ein militärischer Konflikt. Er markiert das Ende einer Epoche. Jahrzehntelang hat Europa darauf vertraut, dass seine Sicherheit von den Vereinigten Staaten garantiert wird. Diese Gewissheit zerbricht. Russland verfolgt beharrlich seine Ziele, die USA schauen zunehmend nach Asien, und Europa steht dazwischen, noch ohne eigene Antwort.
Ich glaube, die Ukraine ist zum Prüfstein geworden. Ihr Schicksal zeigt, ob Europa fähig ist, sich selbst zu behaupten oder ob es weiter in der Abhängigkeit anderer verharrt.
Die Drohne als Spiegel
Ich sehe in der geplanten Jagdbomberdrohne der Luftwaffe weit mehr als ein technisches Projekt. Für mich ist sie ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass Deutschland nach Jahrzehnten des Zögerns beginnt, den eigenen sicherheitspolitischen Ernst wiederzufinden. In einer Zeit, in der sich die geopolitischen Bruchlinien verschieben und Europa militärisch in den …
Analyse
Russland führt keinen kurzfristigen Krieg. Es kämpft um eine neue Ordnung in Osteuropa. Ziel ist nicht nur die Ukraine, sondern ein Einflussgebiet, das bis an die Grenzen der Europäischen Union reicht. Moskau denkt langfristig, nutzt unsere Schwächen und setzt auf Erschöpfung.
Ich sehe, wie diese Strategie funktioniert. Russland macht kleine, aber stetige Fortschritte. Es kalkuliert mit der Zeit, mit unserer Ungeduld und unserer Abhängigkeit. In Kyjiw wird Verteidigung zur Daueraufgabe, während im Westen die Bereitschaft schwindet, den Preis dieses Krieges zu tragen.
Auch Amerika verändert sich. Washington hat verstanden, dass dieser Krieg nicht mehr im Mittelpunkt seiner Interessen steht. Die USA konzentrieren sich auf China. Für Europa bedeutet das, dass die Ära amerikanischer Sicherheit vorbei ist. Noch fließen Waffen und Milliarden, aber dahinter steht eine klare Botschaft. Die Zukunft Europas wird Europa selbst sichern müssen.
Doch wir sind nicht bereit. Unsere Verteidigung hängt von amerikanischer Technik, Aufklärung und Logistik ab. Ohne die USA wäre die Ukraine längst verloren, und Europa wäre machtlos. Viele Regierungen reden von Verantwortung, aber kaum jemand zieht daraus Konsequenzen.
Ich sehe darin das Kernproblem: Europa hat zu lange geglaubt, Frieden sei selbstverständlich. Wir haben unsere Sicherheit ausgelagert und unsere strategische Kultur verloren. Heute erleben wir die Rechnung dafür. Russland verschiebt Grenzen mit Gewalt, die USA ziehen sich zurück, und China nutzt das entstehende Vakuum.
Die Ukraine steht dabei sinnbildlich für uns alle. Sie zeigt, was passiert, wenn man Abhängigkeit mit Sicherheit verwechselt. Russland bestimmt das Tempo, Amerika die Grenzen des Handelns, und Europa schaut zu. Wer sich nicht selbst schützt, wird zum Spielball anderer.
Wenn wir die Ukraine aufgeben, verlieren wir mehr als ein Land. Wir verlieren die Idee, dass Recht stärker sein kann als Macht. Wir würden zulassen, dass Gewalt wieder Politik bestimmt. Das wäre das Ende der europäischen Ordnung, wie wir sie kennen.
Ich sehe, dass die Welt sich bereits verändert hat. Die Zeit der amerikanischen Dominanz geht zu Ende. Eine neue, multipolare Welt entsteht mit Russland, China, Indien und der Türkei als eigenständigen Machtzentren. Nur Europa hat seine Rolle noch nicht gefunden.
Anleitung für Europa
Ich bin überzeugt, dass Europa sich entscheiden muss. Wollen wir gestalten oder verwaltet werden? Diese Frage wird uns niemand abnehmen.
Der erste Schritt ist Ehrlichkeit. Die Ukraine wird nicht jedes besetzte Gebiet zurückerobern. Aber sie kann bestehen, wenn wir sie politisch, wirtschaftlich und militärisch tragen. Nicht aus Moral, sondern aus eigenem Interesse. Denn wer Kyjiw fallen lässt, öffnet die Tür für Moskau weiter nach Westen.
Zweitens brauchen wir echte Selbstständigkeit. Die USA bleiben Freunde, aber sie sind keine Garanten mehr. Wir müssen unsere Verteidigung selbst organisieren. Das heißt: eigene Industrie, eigene Rüstung, eigene Entscheidungskraft. Frankreich, Deutschland, Polen und Italien müssen den Kern einer europäischen Verteidigung bilden. Die französischen Atomwaffen sollten zur europäischen Abschreckung gehören. Nur so entsteht Glaubwürdigkeit.
Drittens müssen wir begreifen, dass wirtschaftliche Stärke und Sicherheit untrennbar sind. Wer seine Energie, seine Technologie oder seine Finanzen fremden Mächten überlässt, verliert am Ende seine Freiheit. Europa braucht strategische Unabhängigkeit in Energie, Industrie und Rüstung.
Viertens müssen wir lernen, mit einer instabilen Nachbarschaft zu leben. Der Osten Europas wird auf absehbare Zeit kein sicherer Raum sein. Moldau, Georgien, die Westbalkan-Staaten – sie sind nicht Randgebiete, sondern die neue Frontlinie europäischer Stabilität.
Und schließlich müssen wir wieder eine Sprache der Stärke finden. Sicherheit darf nicht als Angst verstanden werden, sondern als Ausdruck von Freiheit. Verteidigung ist kein Zeichen von Militarismus, sondern von Verantwortung. Wenn Europa souverän sein will, muss es handeln, nicht hoffen.
Schlussgedanke
Dieser Krieg hat die Welt nicht verändert, er hat sie entlarvt. Er zeigt, dass Macht Ordnung schafft und Moral sie nicht ersetzen kann. Ich will, dass Europa diese Wahrheit annimmt. Denn nur wer sie annimmt, kann daraus handeln.
Europa steht vor der Wahl: Ordnung aus eigener Kraft oder Chaos im Schatten anderer.


